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Millionen Überstunden bei Klinikpersonal - Dafür könnten tausende Stellen geschaffen werden


Millionen Überstunden bei Klinikpersonal - Dafür könnten tausende Stellen gescha

Freizeit ist für die meisten Ärzte und Krankenschwestern, aber auch anderen im Gesundheitswesen Beschäftigten ohnehin schon ein knappes Gut. Die Coronakrise hat das ganze Ausmaß an Überlastung in den Krankenhäusern aber noch einmal deutlicher gemacht.

Deutschlandweit wurden bislang etwa 65 Millionen Überstunden angehäuft. Das entspricht der Regelarbeitszeit von über 30.000 Mitarbeitern. In Mittelhessen sind sie Zahlen entsprechend hoch und führen zu lautstarken Klagen bei Mitarbeitern und Gewerkschaften. Entsprechend der geforderten beziehungsweise notwendigen Mehrarbeit, bleibt kaum Zeit für die Familien der Mitarbeiter. Mußestunden auf dem Sofa mit Netflix oder Tischspiele mit Live Dealer auf dem Handy wie sie für normale Arbeitnehmer zum Leben dazugehören, werden immer seltener.

Große Unterschiede bei den Berufsgruppen

Die Hauptlast der Mehrarbeit liegt bei den Krankenschwestern, Pflegern und dem sonstigen Klinikpersonal. Das Arbeitsaufkommen der Klinikärzte in den Krankenhäusern in Deutschland und Mittelhessen ist dagegen entgegen dem Trend im Corona-Jahr 2020 etwas gesunken. Besonders betroffen sind Krankenschwestern und dem Servicepersonal. Bei diesen Berufsgruppen wurde in der Vergangenheit wegen des Kostendrucks in den Kliniken am meisten eingespart.

Nach einer Befragung von Mitgliedern der Klinikärzte-Gewerkschaft Marburger Bund (MB) unter den Klinikärzten berichteten nur 17,7 Prozent der Mediziner berichteten demnach von einer erhöhten Arbeitslast infolge der im Februar 2020 ausgebrochenen Corona-Pandemie. 57,2 Prozent der befragten Ärzte gaben dagegen an, dass sie seitdem sogar weniger zu tun haben, da sie auch – und das trotz Pandemie - Überstunden abbauen können. Ein Viertel der Ärztebelegschaft Sie sprechen sich daher vereinzelt auch dafür aus, die Regelversorgung wieder aufzunehmen dagegen gaben an, dass sie seit März weniger zu tun haben. Ein gutes Viertel der Befragten bezeichnete das Arbeitsaufkommen als unverändert. Und mehr als zwei Drittel der angestellten Ärzte sprachen sich dafür aus, in den Kliniken die Regelversorgung wieder aufzunehmen.

"Ich bin gerne Krankenschwester, aber...

Eindrucksvoll beschreibt die in einer deutschen Klinik arbeitende Krankenschwester Franziska Böhler in ihrem kürzlich erschienenen Buch „I‘m a Nurse“ die Zustände an deutschen Kliniken. Sie sagt darin, dass sie gerne als Krankenschwester arbeitet. Jedoch zwingen der von den Kliniken eingeschlagene Sparkurs selbst hochmotivierte Pflegekräfte Patienten, darunter auch Schwerkranke, immer wieder zu vertrösten. Sie beschreibt in ihrem Buch eindrücklich den Stationsalltag, der auch schon ohne Corona viel zu hektisch ist und kaum Freizeit oder Zeit mit der Familie beispielsweise auf einen Ausflug bleibt.

Seit dem Ausbruch des Corona-Virus bleibe noch weniger Zeit, wobei die Lage auf den Stationen auf dem Höhepunkt einer Welle besonders kritisch ist. Sie berichtet von Ärzten, die dem Klinikpersonal verbieten einkaufen zu gehen, von Kunden im Supermarkt die sie erkennen und bitten den Laden zu verlassen, weil sie im Krankenhaus arbeitet und über die insgesamt mangelnde Anerkennung, auch in Form von Bezahlung. Ein Klatschen auf dem Balkon reiche da nicht. Die genauen Ursachen des Pflegenotstandes oder Wege raus aus dem ständigen Zeitmangel beschreibt sie jedoch nicht, was von einer Krankenschwester sicherlich auch nicht erwartet werden kann.

Was sind die Ursachen des Pflegenotstandes?

Der Pflegenotstand ist eine der größten Probleme in unserer Gesellschaft. Die Treiber der Probleme sind vielfältig. Da wäre zum einen der demografische Wandel mit einer immer älter werdenden Bevölkerung. Hinzu kommen der Trend zur stationären Pflege verbunden mit einer hochtechnisierten medizinischen Versorgung in der Fläche sowie insgesamt eher schlechte Arbeitsbedingungen, die viele Interessierte letztlich abschrecken einen Pflegeberuf zu ergreifen.

Eine frisch ausgebildete Krankenschwester im Schichtdienst verdient heute durchschnittlich 33.960 € brutto im Jahr, was einem monatlichen Nettogehalt von etwa 1.900 € netto entspricht.

Das damit angesichts hoher Mieten keine großen Sprünge möglich sind, dürfte jedem klar sein. Die Aussichten auf ein harmonisches Familienleben bei ständig wechselnden Diensten mit Überstunden sind nicht allzu rosig. Daher entscheiden sich nicht wenige hoch qualifizierte Kräfte in andere Bereiche abzuwandern. Angehenden Auszubilden wird man angesichts fehlender Karriereperspektiven kaum erklären können, dass sie einen Beruf mit rosigen Aussichten ergreifen, obwohl der Arbeitsplatz eigentlich gesichert sein dürfte.

Leasingkräfte verstärken das Lohngefälle noch. Das Problem lässt sich auch nur zu einem kleinen Teil mit ausländischen Pflegekräften lösen, da nicht nur Sprachhindernisse, sondern auch Fachkenntnisse vielfach fehlen. Hinzu kommt, dass jede abgeworbene Pflegekraft in ihrem eigenen Land fehlt.

Die Suche nach Wegen aus der Krise

In erster Linie müssen wohl die Bedingungen für Klinikpersonal und Pflegekräfte verbessert werden. Dazu gehören angemessene Gehälter und eine Verbesserung der Work-Live-Balance. Die Kliniken und in der Pflege tätigen Betriebe müssen in die Lage versetzt werden mehr Personal einzustellen. Teilzeitverträge müssen wo es geht in Vollzeitverträge umgewandelt und die Anzahl der Ausbildenden erweitert werden.

Die Zuwanderung von Pflegepersonal muss gezielt nach Qualifikation erfolgen, wobei auch die Ausbildungsmöglichkeiten und die schrittweise Integration in den Klinik- und Pflegebetrieb verbessert werden muss. Soweit so gut. Es bleibt das Problem der Finanzierung. Mit der Konzertierten Aktion Pflege (KAP) hat die Bundesregierung im Jahr 2019 zumindest den Grundstein gelegt, um den Pflegenotstand zu bekämpfen.

Zum einen sollen die Gehälter schrittweise angehoben werden. Zum anderen sollen in den kommenden Jahren bis 2023 bis zu 10 % mehr Auszubildende angeworben werden. Die Gewinnung von Kräften aus dem Ausland soll forciert erfolgen und vor allem auch erleichtert werden, indem Abschlüsse zumindest zu einem Teil anerkannt werden.

Die beschlossenen Maßnahmen werden den Pflegenotstand insgesamt jedoch wohl allein nicht beseitigen können, sodass noch weitere Anstrengungen möglich sind. Nicht zuletzt muss auch das Gesundheitssystem insgesamt effektiver werden, wenngleich in Deutschland bereits ein sehr hohes Niveau erreicht ist, dass sich im Vergleich zu vielen anderen Industrieländern kaum zu schämen braucht.

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